-
1708Erfindung des ersten europäischen Porzellans
Im 17. Jahrhundert steht ganz Europa im Bann des chinesischen Porzellans. Mit seinem reinweißen Scherben, der außergewöhnlichen Formbarkeit und den prachtvollen Dekoren übertrifft es alle keramischen Erzeugnisse seiner Zeit an Qualität und Finesse. So kostbar erscheinen die asiatischen Porzellane, dass man ihnen sogar magische Eigenschaften zuschreibt: Man glaubt, sie zerfielen, sobald sie mit Gift in Berührung kämen.
Im europäischen Adel entfacht sich eine wahre Sammelleidenschaft, die August den Starken, Kurfürst von Sachsen, besonders erfasst. Von der „maladie de porcelaine“ getrieben, scheut er weder Mühe noch Kosten: Kunstwerke aus Gold und Silber – darunter Schätze des Sonnenkönigs Ludwig XIV. – werden eingeschmolzen, um die kostbaren fernöstlichen Porzellane zu erwerben. Als Ausweg aus dieser wirtschaftlichen Schieflage setzt August wie viele seiner Zeitgenossen auf seine Alchemisten, in der Hoffnung, dass sie das Geheimnis entschlüsseln und aus einfachen Metallen Gold herstellen könnten.
1702 holt er den jungen Alchemisten Johann Friedrich Böttger nach Dresden, wo dieser zwei Jahre lang vergeblich experimentiert. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wird Böttger auf die Albrechtsburg Meißen verbannt und forscht dort unter der Aufsicht des Mathematikers und Physikers Ehrenfried Walther von Tschirnhaus weiter.
Die Zusammenarbeit erweist sich als äußerst fruchtbar. Gemeinsam mit dem Bergrat Gottfried Pabst von Ohain sowie Freiberger Berg- und Hüttenleuten erforscht Böttger nun systematisch verschiedene Massesätze und untersucht in umfangreichen Versuchsreihen das Brandverhalten sächsischer Tone. Im November 1707 stellen sich die ersten Erfolge ein: Böttger gelingt die Herstellung eines roten Steinzeugs, des sogenannten „Jaspisporzellans“, das heute als Böttgersteinzeug bekannt ist.
Einige Wochen später gelingt ihm auch die Herstellung des weißen Porzellans. Hierfür musste lediglich der feine Ton durch weißes Kaolin – den letzten entscheidenden Puzzlestein – ersetzt werden. Am 15. Januar 1708 gelingt schließlich der Brand des ersten europäischen Porzellans.
Im Sommer nimmt August der Starke das Ergebnis persönlich in Augenschein: Das europäische Hartporzellan ist geboren.Am 23. Januar 1710 gründete August der Starke die Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Porzellanmanufaktur, deren Produktion am 6. Juni 1710 in der Albrechtsburg in Meißen aufgenommen wurde. Für fast 150 Jahre wird die Albrechtsburg zu Meißen zur Produktionsstätte. Dort wird das Arkanum, das streng gehütete Geheimnis der Porzellanherstellung, mit größter Sorgfalt bewahrt.
Doch das Wissen bleibt nicht lange geheim, und schon bald entstehen in ganz Europa weitere Porzellanmanufakturen. Um die außergewöhnliche Qualität des Meissener Porzellans zu schützen und seine Echtheit eindeutig zu kennzeichnen, führt man 1722 die aus dem sächsischen Wappen abgeleiteten gekreuzten Schwerter ein. Sie zählen zu den ältesten noch heute kontinuierlich verwendeten Markenzeichen weltweit.
-
1720Chinoiserien & Zwiebelmuster
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts herrscht in Europa eine regelrechte Chinamode, die nicht zuletzt auf die Faszination für das chinesische Porzellan und die reichen Bildwelten seines Dekors zurückzuführen ist. Mit der detailgenauen Nachbildung ostasiatischer Formen und Dekore beginnt auch die Geschichte der Porzellanmanufaktur MEISSEN.
Die ab den 1720er Jahren gefertigten Meissener Porzellane spiegeln deutlich die Beschäftigung mit ostasiatischen Vorbildern wider. Es entstehen Dekore sowie Tassen- und Kannenformen, die die Vermischung ostasiatischer Motive und europäischer Traditionen verdeutlichen. Beim Übertragen von Motiven kommt es auch zu Missverständnissen. Berühmtestes Beispiel ist das Meissener „Zwiebelmuster“: das keine Zwiebeln, sondern Pfirsich und Melone/ Granatapfel, Zitrusfrüchte (z. B. stilisierte Orangen) zeigen.
Diese frühe Schaffensperiode der Manufaktur ist eng verbunden mit dem Porzellanmaler Johann Gregorius Höroldt, der 1720 von Wien nach Meißen kommt. Unter seiner Leitung entwickelt sich die Manufaktur mit hitzebeständigen Unter- und Aufglasurfarben weiter, mit denen ungeahnt farbenprächtige Dekore möglich werden.
Seine berühmten Chinoiserien zeigen die Traumwelt der Europäer des 18. Jahrhunderts: paradiesische Gärten mit Pflanzen- und Tiermotiven, höfische Szenen sowie Darstellungen aus dem asiatischen Leben. Höroldt schafft Dekore, die richtungsweisend sind für alle anderen Manufakturen Europas. Herausragende Beispiele sind die „Indischen Blumen“ sowie der „Alter Reicher Gelber Löwe“ und „Kakiemon“ Dekore.
-
1722Tier- und Jagdmotive
Um 1722, schon kurz nach ihrer Gründung, werden Jagddekore ins Repertoire der Manufaktur MEISSEN aufgenommen. Die mit Tier- und Jagd-Motiven verzierten Vasen, Geschirre und Pokale gehören zum Inventar der vielen Jagdschlösser August des Starken.
Einer der wichtigsten Vertreter dieses Genres szenisch-figürlicher Dekoration ist der Porzellanmaler Johann Georg Heintze, ein Schüler Höroldts. Früh spezialisiert er sich auf Parforcejagd-Szenen, die nach Kupferstichvorlagen von Johann Elias Ridinger und Georg Philipp Rugendas auf Service und Vasen übertragen werden. Dabei sind nicht originalgetreue Kopien gefragt, sondern fantasievolle Kompositionen, welche die Hauptmotive aus den Vorlagen freistellen und in heitere Landschaftsszenen versetzen.
Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert sind es weniger dramatische Szenen, welche die Meissener Jagdmotive auszeichnen: In kräftigen Farben gemalte Wildtiere und Vögel zeigen die Tiere in ihrem Lebensraum, repräsentieren die Idylle des Waldes. Seit dieser Zeit sind sie unverzichtbarer Bestandteil einer naturbezogenen bürgerlichen Speise- und Tafelkultur.
Neben der malerischen Umsetzung spielt das Thema Jagd auch in der Meissener Formgestaltung bis heute eine wichtige Rolle. Auf besonders spektakuläre Art zeigt dies die 2004 von Jörg Danielczyk geschaffene Jagdgruppeleuchter, deren dünnes Eichenlaub aus Porzellan das Können der Bossierer der Manufaktur herausfordert.
-
1730Großplastiken
Um 1730 beginnt die sogenannte „plastische Periode“ der Porzellanmanufaktur MEISSEN, in der zahlreiche Großplastiken im barocken Stil jener Zeit entstehen.
Ausgangspunkt ist das Japanische Palais in Dresden, dessen Ausstattung zum Porzellanschloss für August den Starken ein zentrales Anliegen ist.
Zwischen 1730 und 1736 fertigen die Modelleur Johann Gottlieb Kirchner und Johann Joachim Kaendler im Auftrag des Kurfürsten zahlreiche lebensgroße Tierfiguren aus Porzellan. Die Sammlung einheimischer und exotischer Tiere spiegelt seine Leidenschaft für Porzellan wieder und dient zugleich der Repräsentation seines Hofes.
Mit den Großplastiken betreten die Meissener Modelleure nicht nur künstlerisches Neuland, sondern stellen die Manufaktur auch vor enorme technische Herausforderungen. Die Herstellung lebensgroßer Porzellanfiguren war extrem schwierig, weil das Material beim Brennen leicht riss oder sich verformte, und jede Figur präzise Modellierung sowie streng kontrollierte Trocknung und Brenntemperatur erforderte.
Für ihre Studien der Tiere nutzten Kirchner und Kaendler die Kunst- und Naturalienkammern, das Jagd- und Bärenhaus sowie das Wildgehege des Moritzburger Jagdschlosses. Sogar das Berliner Bärenhaus diente als Vorlage: So entstand beispielsweise der berühmte Bär von Kirchner nach den Bildern und Modellen dieser Sammlungen und wurde später als Ausstellungsstück der Porzellan-Stiftung gezeigt – ein Beweis für Kreativität und technische Meisterschaft.
Noch heute wird das Herstellen einer lebensgroßen Tierplastik als besonderes Ereignis gefeiert. Die Wirklichkeitsnähe und Detailgenauigkeit dieser Figuren sind in solcher Dimension einzigartig.
1733 stirbt August der Starke. Johann Gottlieb Kirchner verlässt die Manufaktur, und Johann Joachim Kaendler wird im gleichen Jahr zum Modellmeister der Porzellanmanufaktur Meißen ernannt.
-
1737Schwanenservice
Es ist ein beeindruckendes Zeugnis einer glanzvollen Epoche und gilt als Opus Magnum deutscher Barockkunst: das „Schwanenservice“ von Johann Joachim Kaendler.
1737 wird es von Heinrich Graf von Brühl, Erster Minister unter August III., in Auftrag gegeben. Fünf Jahre später ist das Jahrhundertservice vollendet – ein Ensemble von zuvor nie dagewesener Größe und opulenter plastischer Gestaltung. Für einhundert Personen konzipiert, umfasst das Service mehr als 2.200 Einzelteile.
Das Hauptmotiv der dekorativen Ausarbeitung sind Schwäne, die sowohl als Flachreliefs als auch als plastische Figuren und sogar als Gefäße in Schwimmstellung erscheinen. Obwohl dieses Motiv dem Service seinen Namen gibt, wird das Geschirr durch zahlreiche andere Gestalten belebt, die der griechischen Mythologie entnommen sind.Die Entwürfe basieren auf Zeichnungen und Kupferstichen aus den grafischen Sammlungen der nahegelegenen Kunstakademie Dresden sowie Meissens eigenen Beständen. Jedes Gefäß ist eine Variation des mythologischen Leitmotivs: Glaukos, Galatea und deren Gefolge, Meeresnymphen, Tritonen und Delphine – all dies zeigt Kaendler als Teil der barocken Servierkunst in Porzellan.
Das „Schwanenservice“ beeindruckt durch seine Formenvielfalt, üppige Dekoration und kunstvolle Lichtspiele – ein Ensemble, das selbst die kühnsten Erwartungen seines Auftraggebers übertrifft.
-
1739Schneeballblüten
Ausgehend vom französischen Hof setzte in den 1730 Jahren ein Stilwandel in Europa ein. Nicht mehr die Mode aus Asien steht im Vordergrund, sondern ein prunkvoller europäischer Stil, der eigene Motive entwickelt.
Auch in der Porzellanmanufaktur MEISSEN führt dies zu neuen Dekoren und Formen, die sich von den ostasiatischen Vorbildern lösen und gleichzeitig dem üppigen Geschmack des Rokoko entsprechen. Eine herausragende künstlerische Leistung dieser Zeit sind die „Schneeballblüten“ von Johann Joachim Kaendler. Er gilt bis heute als einer der bedeutendste Modelleur der Manufaktur MEISSEN.
1739 schafft Kaendler auf Geheiß von August III. ein Service, mit dem der König seiner Gemahlin Maria Josepha von Österreich seine Liebe zeigt. Auf Tassen, Vasen oder Dosen üppig aufgetragen, stellte das Blütendekor die Bossierer, Maler und Brennmeister der erst 30 Jahre zuvor gegründeten ersten europäischen Porzellanmanufaktur vor neue Herausforderungen. Jede einzelne Blüte wird von Hand geformt, auf das jeweilige Produkt platziert und anschließend einzeln bemalt.
Mit dem „Schneeballblüten“-Stil setzte MEISSEN bereits drei Jahrzehnte nach seiner Gründung ästhetische und technische Maßstäbe in der Porzellangestaltung, die für andere Manufakturen in Europa richtungsweisend wurden.
-
1748Opuente Tafelaufsätze
Opulente Feste als Ausdruck von Macht und Pracht prägen das Leben am sächsischen Hof von August dem Starken. Politik, wirtschaftliche Stärke und kulturelles Niveau sollen beeindruckend zur Schau gestellt werden. In die Gestaltung der Feste fließen alle Künste ein, und selbst der Herrscher und seine Gäste werden Teil der Inszenierung: Sie verkleiden sich als Jahreszeiten, Elemente, Kontinente oder antike Gottheiten.
Diese thematische Ausrichtung spiegelt sich auch in der Porzellangestaltung wider. Allegorische Figuren schmücken die Tafel jener Zeit und setzen Akzente in der Tischdekoration. Die mythologische Erhöhung Augusts des Starken erfolgt in Form prächtiger Tafelaufsätze. Galante Porzellanfiguren, kokett und zweideutig, dienen der anregenden Kommunikation am Hof. Ziel ist stets das glanzvolle zur Schau stellen absoluter Macht.
Das berühmteste Beispiel dafür ist „Der große Ehrentempel“ von Johann Joachim Kaendler aus dem Jahr 1748. Der Tafelaufsatz in Form eines Triumphbogens besteht aus 123 Einzelteilen und ist der größte jemals in Meissener Porzellan gefertigte Aufsatz. Der „Große Ehrentempel“ wurde am 5. März 1749 zum Namenstag Friedrich August II., dem Sohn von August dem Starken, erstmalig verwendet.
-
18. JahrhundertMythologie
Seit den 1730er Jahren greifen Meissener Künstler auf die antike Mythologie als reichhaltige Inspirationsquelle für ihr Schaffen zurück. Ob Frauengestalten als Musen, üppige Genien als Verkörperung der Künste oder als barocker Triton im epochalen „Schwanenservice“ von Johann Joachim Kaendler – in den figürlichen und gestalterischen Porzellanausarbeitungen spiegeln sich Fantasie und meisterliches Können der Meissener Kunsthandwerker jener Zeit wider.
Im Klassizismus wird die Antike sogar zum verbindlichen gestalterischen Leitbild: Ornamente und Dekormotive orientieren sich bewusst an den architektonischen Vorlagen der Antike. MEISSEN widmet sich sowohl der Formgebung von Service als auch der Gestaltung schmückender Elemente wie Friese, Festons und Girlanden. Maßgeblich ist dabei Johann Joachim Winckelmanns Sicht auf die Antike; als Vorlagen dienen die antiken Skulpturen der Königlichen Sammlung im Japanischen Palais und in der Osthalle des Stallhofes in Dresden.
-
1764Auf der Suche nach dem Stil
Mit dem Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 endet die erste Blütezeit Meissens. Die mit dem Krieg verbundenen Entbehrungen erschweren sogar den Fortbestand der Manufaktur.
Zeitgleich führen Humanismus und Aufklärung in Europa zu neuen, stärker bürgerlich orientierten Wertvorstellungen. Ausgehend von Frankreich breitet sich ein neuer Kunststil, der Klassizismus, in ganz Europa aus – eine Rückbesinnung auf die Welt der Antike, befeuert durch archäologische Funde in Herculaneum und Pompeji.
1764 kommt der französische Modelleur Michel Victor Acier nach Meißen, um neue künstlerische Impulse im Geist der Zeit zu setzen. Wie kein anderer prägt er die Marcolini-Periode der Manufaktur, benannt nach Graf Marcolini, der 1774 Manufakturdirektor wird.
In jener Zeit verdrängt eine strenge Orientierung an Architektur- und Zierformen der Antike die barocke Farbigkeit zugunsten einer Camaieu, Ton-in-Ton- oder Pâte-sur-Pâte-Malerei. Zeitweise wird sogar auf eine Glasur verzichtet.
Mit dem Tod von Höroldt und Kaendler im Jahr 1775 endet das Wirken zweier der bedeutendsten Künstler der Meissener Manufakturgeschichte. Sie legten den Grundstein für alles darauffolgende künstlerische Schaffen.
-
1806Die Königlich-Sächsische Porzellan-Manufaktur
Mit der Entstehung des Königreichs Sachsen firmiert die Manufaktur ab 1806 als „Königlich-Sächsische Porzellan-Manufaktur“. 1814 wird Bergrat Carl Wilhelm von Oppel als Nachfolger Marcolinis zum neuen Direktor ernannt. Er leitet notwendige Veränderungen in künstlerischer, technischer und betrieblicher Hinsicht ein.
Mit der Berufung Heinrich Gottlob Kühns nach Meißen gewinnt die Manufaktur einen Betriebsinspektor, dem die wichtigsten technischen Innovationen dieser Zeit zuzuschreiben sind. Bereits 1817 entwickelt Kühn die neue Unterglasurfarbe Chromoxidgrün, mit deren Hilfe Johann Samuel Arnold den populären Dekor „Voller Grüner Weinkranz“ schafft.
Während seiner Amtszeit führt Kühn außerdem den Rundofen ein und erfindet 1827 das sogenannte Glanzgold – eine Vergoldungstechnik, bei der im Unterschied zum Poliergold nach dem Brand keine Politur mehr erforderlich ist. Damit lassen sich erstmals auch detailreiche Reliefs vollständig vergolden.
Ab 1831 wird die Manufaktur dem königlichen Finanzministerium als Aufsichtsbehörde unterstellt.
-
19. JahrhundertIndustrialisierung
Durch die Industrialisierung steigt Mitte des 19. Jahrhunderts die Kaufkraft des Bürgertums. Porzellan, das im vorigen Jahrhundert allein dem Adel vorbehalten war, wird nun breiteren Schichten der Bevölkerung zugänglich. Mit der steigenden Nachfrage für Meissener Porzellan wächst auch das Verlangen nach neuen Formen und Dekoren, um das Repräsentationsbedürfnis des zu Wohlstand gekommenen Bürgertums zu bedienen.
Eine Schlüsselfigur dieser Zeit ist Ernst August Leuteritz, der in den Jahren von 1849 bis 1886 die Gestaltungsabteilung der Manufaktur leitet. Unter seiner Führung schöpfen die Meissener Modelleure und Porzellanmaler jener Zeit aus dem reichen Erbe der Manufaktur, zitieren in neu geschaffenen Formen und Dekoren frei aus vorangegangenen Stilepochen. In dieser Periode des Historismus entstehen zahlreiche Porzellane in verschiedenen Neostilen.
Der wichtigste dieser Stile ist das Neo- bzw. Zweite Rokoko, das seine Wurzeln in der Opulenz und vielfältigen Formensprache des Meissener Barock hat. Mit ihm beginnt die zweite Blütezeit der Manufaktur.
Besonders hervorzuheben sind die auf den Weltausstellungen gezeigten Prunkvasen, Gefäße und Figuren von Ernst August Leuteritz, dem die Manufaktur unter anderem die „Schlangenhenkelvasen“ verdankt. Das imposante Gefäß entwickelt sich zu einem Klassiker der Manufaktur.
Schon bald werden die Räume der Albrechtsburg zu klein, ihre Wege zu lang oder zu umständlich. Ein historischer Schlossbau scheint nicht mehr der richtige Ort für einen modernen Manufakturbetrieb.
Von 1861 bis 1864 folgt der Neubau der Betriebsstätte im Triebischtal. Bis heute ist hier der Standort der Porzellanmanufaktur Meissen.
-
1907Das neue Selbstverständnis
Im 19. Jahrhundert zeichnet sich das Schaffen der Manufaktur MEISSEN durch die technisch und handwerklich perfekte Reproduktion kunsthistorischer Vorlagen aus. Das originär-kreative, künstlerische Element spielt in der Porzellangestaltung kaum noch eine Rolle.
Nach den großen Weltausstellungen 1851 in London und 1867 in Paris löst diese rückwärtsgewandte Ausrichtung der Manufaktur heftige Kritik aus und führt zu intensiven Diskussionen über ihre gestalterische Zukunft. Viele fortschrittlichere Künstler dieser Zeit suchen einen Ausweg aus der konservativ-akademischen Kunstwelt, den sie schließlich im frühen 20. Jahrhundert finden. Junge Künstler und Manufakturmitarbeiter prüfen unvoreingenommen neue ästhetische Möglichkeiten für das Porzellan und schlagen innovative Wege für dessen Gestaltung ein. So entsteht eine Porzellankunst, die dem modernen Zeitgefühl entspricht. Beispiele hierfür sind die „Hentschelkinder“ von Julius Konrad Hentschel und die „Kugelspielerin“ von Walter Schrott.
1907 wurde der Dresdner Fürstenzug, das einzigartige Wandbild sächsischer Geschichte, feierlich eingeweiht. Die Wandgestaltung besteht aus 25.000 handbemalten Platten aus Meissener Porzellan und gilt als das größte keramische Wandbild der Welt. Die Fertigung der Platten dauerte von 1904 bis 1907, jede Platte misst 20,5 × 20,5 cm.
1916 wird die an die Manufaktur angebaute Schauhalle im Triebischtal als Modellsammlung und Museum für Meissener Porzellan eröffnet.
-
1918Die 20er Jahre
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieg (1914- 1918) und dem Sturz der deutschen Monarchie 1918, im Zuge der Novemberrevolution, wurde die Meissener Porzellanmanufaktur verstaatlicht und in Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen umbenannt. Im gleichen Jahr wird Max Adolf Pfeiffer zum Direktor ernannt. Unter seiner Leitung erreicht die künstlerische Arbeit bei MEISSEN ein Niveau, das mit der ersten Blütezeit im 18. Jahrhundert vergleichbar ist.
Pfeiffer verpflichtet herausragende Künstler wie Paul Scheurich, Max Esser, Ernst Barlach und Gerhard Marcks, die dem Porzellan neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnen. Es entstehen zeitgemäße Figuren, Gefäße und Dekore, die sich auf die großen Schöpfungen Johann Joachim Kaendlers im 18. Jahrhundert beziehen, zugleich aber wegweisend für die Porzellankunst des 20. Jahrhunderts sind.
1919 erfolgen die Nacherfindung und der Eintrag der Bezeichnung „Böttgersteinzeug“ in die Warenzeichenrolle des Patentamtes Berlin.
Anlässlich des 200. Todestages von August dem Starken wurde 1933 eine Neuauflage des Ehrentempels geschaffen. Dieser Tafelaufsatz wurde durch die Verwendung erhaltener Originalformen aus dem Jahr 1748 neu angefertigt und ergänzt.
-
1933 - 1945MEISSEN zur Zeit des Nationalsozialismus
Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in der Manufaktur ist bislang nicht dokumentiert. Ein Blick in die Akten zeigt jedoch die ambivalente Lage der Manufaktur: Ein Betriebsappell vom 2. Oktober 1941 verkündete etwa das Ziel, ein nationalsozialistischer Musterbetrieb zu werden. Die Bestellung von Services, Büsten, Medaillen und Plastiken durch hochrangige Partei- und Armeemitglieder, aber auch durch Minister und Diplomaten, belegt diese Ausrichtung.
1942/43 wurde eine neue Abteilung für chemisch-technisches Porzellan eingerichtet, und die Manufaktur übernahm zudem Rüstungsaufträge. So konnte sie den Krieg überstehen und teilweise ihre Mitarbeiter vor dem Fronteinsatz bewahren. Generell war die Porzellanproduktion während des Zweiten Weltkriegs erschwert, da Material und Personal knapp waren. 1945 ruht die Arbeit vollständig.
Nach Kriegsende wurden von Juni bis September 1945 einige Fertigungsanlagen durch die sowjetische Militäradministration demontiert. Unter Direktor Herbert Neuhaus begann die Produktion erneut, zunächst mit etwa 200 Beschäftigten, darunter 50 Maler und 30 Gestalter. Bereits im Frühjahr 1946 war Meissener Porzellan wieder auf der ersten Leipziger Nachkriegsmesse zu sehen.
Am 1. August 1946 wurde die Manufaktur aufgrund der deutschen Reparationsverpflichtungen von der sowjetischen Aktiengesellschaft „Zement“ übernommen. Noch 1950 firmierte sie als „Staatliche Aktien-Gesellschaft für Baustoffe ‚Zement‘ – Porzellan-Manufaktur Meißen“. Die Rückgabe aus sowjetischem Besitz an die DDR erfolgte am 1. Juli 1950. Anschließend wurde die Manufaktur ein Volkseigener Betrieb unter dem Namen „VEB Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen“, und Waldemar Wüstenmann wurde 1950 zum Direktor ernannt.
-
1960Kollektiv Künstlerische Entwicklung
In den 1960er Jahren gründet sich die Künstlergruppe „Kollektiv Künstlerische Entwicklung“, die das Erscheinungsbild des zeitgenössischen Meissener Porzellans maßgeblich prägt. Wichtige Vertreter sind der Formgestalter Ludwig Zepner, der Plastiker Peter Strang sowie die Maler Heinz Werner, Rudi Stolle und Volkmar Brettschneider.
Anfang der 1970er Jahre entsteht die Serviceform „Großer Ausschnitt“ von Ludwig Zepner.
In der Folgezeit werden fast jährlich für das Serviceensemble neue Dekore in unterschiedlichen Maltechniken geschaffen. Einen Höhepunkt dieser Entwicklung bildet die Dekoration „Tausendundeine Nacht“ von Heinz Werner. Mit ihr inszeniert er eine bewegungsreiche,
szenische Miniaturmalerei voller Fantasie, inspiriert von den orientalischen Märchenwelten.1969 wird Karl Petermann zum Direktor der Porzellanmanufaktur ernannt. Er legt besonderen Wert darauf, traditionelle Porzellankunst mit freier, künstlerischer Gestaltung zu verbinden. Unter seiner Leitung entwickelt sich die Manufaktur zu einem bedeutenden Devisenbringer der DDR.
Ende der 1970er Jahre entstehen die sogenannten „Atelierporzellane“ – Einzelstücke, bei denen die Künstler eigene gestalterische Konzepte verwirklichen können.
-
1990 - 2008MEISSEN nach der Wiedervereinigung
Am 26. Juni 1991 wird der ehemalige Volkseigene Betrieb (VEB) in die „Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH“ umgewandelt. Bis heute ist der Freistaat Sachsen alleiniger Gesellschafter der Manufaktur.
1992 tritt eine neue Generation von Künstlern das Erbe des „Kollektivs Künstlerische Entwicklung“ an, darunter Jörg Danielczyk , Silvia Klöde, Sabine Wachs, Gudrun Gaube, Olaf Fieber, und Andreas Herten.
Unter der Designerin Sabine Wachs entsteht 1996 nach dreijähriger künstlerischer Entwicklungsarbeit die neue Serviceform „Wellenspiel“, mit der die Manufaktur MEISSEN gestalterisch in das neue Jahrtausend startet.
Anfangs konnte der Geschäftsbetrieb der Manufaktur ohne größere Einschnitte fortgeführt werden, wobei Belegschaft und Management der Vorwendezeit erhalten blieben. In den Folgejahren war jedoch die europäische und deutsche Porzellanindustrie von stark rückläufigen Entwicklungen betroffen: Zwischen 1991 und 2007 sank die Zahl der deutschlandweiten Beschäftigten von etwa 27.000 auf rund 6.000.
Die Manufaktur, deren Unternehmenskultur stark von der planwirtschaftlich geprägten Ausrichtung der DDR bestimmt war, tat sich schwer damit, die erforderliche Marktorientierung umzusetzen.
-
2009 - 2014Markenerweiterung & Expansion
2008 übernahm Dr. Christian Kurtzke die Geschäftsführung und leitete eine Strategie der Expansion und Markenerweiterung ein, bei der das Sortiment um Luxusartikel wie Möbel, Kleidung, Accessoires und Schmuck ergänzt wurde. Im Rahmen dieser Produkt- und Vertriebsexpansion gründete MEISSEN Tochtergesellschaften in Italien, Großbritannien und Hongkong und baute sein Filialnetz aus. Ziel war der Aufbau eines Luxusunternehmens unter der Marke Meissen Couture, um den rückläufigen Porzellanabsatz auszugleichen und das Porzellangeschäft im Aufwind der anderen Produkte zu beflügeln.
Die Strategie scheiterte jedoch, da die Vielzahl neuer Produktlinien das Unternehmen überforderte: 2014 fiel ein Jahresfehlbetrag von rund −19,2 Mio. EUR an.
-
2015 bis heutePorzellan als Lifestyle-Marke
Nach der Ernennung von Dr. Tillmann Blaschke zum Geschäftsführer Ende 2014 setzte die Porzellan-Manufaktur Meissen auf eine Rückbesinnung auf ihr Kerngeschäft. Gemeinsam mit Georg Nussdorfer, der 2016 die Geschäftsführung für Marketing und Vertrieb übernahm, versuchte das Unternehmen zunächst, mithilfe der in der Kurtzke-Zeit geschaffenen Vertriebsstrukturen Wachstum im Porzellanbereich zu erzielen. Dieser Ansatz erwies sich jedoch als wenig erfolgreich, sodass Ende 2019 eine umfassende Konsolidierung eingeleitet wurde. Dazu gehörten die Schließung mehrerer Vertriebsstandorte und eine Reduzierung der Mitarbeiterzahl von 619 auf 418. Anfang 2020 übernahm Blaschke als CEO die alleinige Führungsverantwortung. Bereits 2022 erzielte die Manufaktur erstmals seit über zehn Jahren wieder einen ausgeglichenen Jahresabschluss.
In den Folgejahren wurde die Manufaktur mit einer Reihe neuer Herausforderungen konfrontiert, insbesondere durch die COVID-19-Pandemie, dessen Auswirkungen in China, einen angeschlagenen und rückläufigen Fachhandel, den Wegfall des Russlandgeschäftes sowie die Energiekrise, Inflation und Rezession. Auch geopolitische Spannungen, etwa die Konflikte im Nahen Osten, wirken sich auf das internationale Geschäft aus.
Trotz dieser Belastungen bleibt der Erhalt des Meissener Porzellans als kulturelles Erbe ein zentrales Anliegen. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer betont: „Wenn man aufhört, das Handwerk zu leben, wird es irgendwann in Vergessenheit geraten. Wir müssen bereit sein, für dieses Kulturgut ein Stück weit Förderung zu geben.“ Gleichzeitig strebt die Manufaktur an, sich wirtschaftlich selbst zu tragen.
Wesentlich für den weiteren Erfolg der Manufaktur wird auch künftig die konsequente Modernisierung und Verjüngung des Unternehmens sein. Kooperationen mit international renommierten Marken wie Boss, Supreme, Adidas und Lindt zeugen von einer strategischen Öffnung und einem zeitgemäßen Markenauftritt.
Neue Produkte wie der Coffee-to-Go-Becher aus Meissener Porzellan oder das einfarbige Geschirr der Kollektion Urban Colors verbinden traditionelles Handwerk mit Innovation und spiegeln den aktuellen Zeitgeist der Manufaktur wider. Neben modernen Serien wie Mystic Maison, The Original oder NOVA werden auch klassische Dekore wie das „Zwiebelmuster“, der „Ming Drache“ oder die „Gestreuten Blümchen“ gepflegt und im Mix-&-Match-Stil mit farbigen Porzellanteilen kombiniert. Dabei steht die Bewahrung des Kunsthandwerks, Nachhaltigkeit und ein moderner Lifestyle im Vordergrund.
Zu der neuen Generation von Designern und Plastikern gehören unter anderem Lena Hensel, Zhuoyu Hou, Maria Walther und Maximilian Hagstotz. Die Kombination aus Tradition, Innovation und wirtschaftlicher Stabilität prägt den aktuellen Kurs der Manufaktur Meissen.
Der Wunschlisten Name ist bereits vorhanden.